Yoga Nidra - mehr als Entspannung
Das Ziel von Yoga ist, Kontrolle über das autonome Nervensystem zu erlangen,
was nicht nur die Meisterschaft des Entspannens beinhaltet,
sondern ebenso die Fähigkeit, wach und aufmerksam zu werden. Satyananda
Der „Schlaf der Yogis“ bringt dem Körper Frische und versetzt das Gehirn in einen Zustand vollbewusster Ruhe.
Swami Satyananda Saraswati, der Begründer der Bihar School of Yoga in Munger, Indien hat eine Methode der Tiefentspannung entwickelt, deren Wirkung weit über die gewohnte Vorstellung von Entspannung hinausgeht. Er nannte die, aus der alten tantrischen Wissenschaft entnommene Methode, Yoga Nidra.
Die Mängel des modernen technologischen Lebensstils werden heute von vielen Menschen wahrgenommen, was zur Folge hat, das Entspannungsangebote wie Pilze aus dem Boden schließen. Nur wenige davon werden jedoch dem Anspruch gerecht, wissenschaftlich fundiert zu sein und eine tiefe und systematische Entspannung auf allen Ebenen zu ermöglichen. Genau das ist das Besondere an Yoga Nidra. Mit Yoga Nidra erhält der Einzelne etwas an die Hand, womit er grundlegende Veränderungen in seinem Leben vornehmen kann.
Nidra bedeutet Schlaf oder Nicht-Bewusstheit. Schlaf oder Nicht-Bewusstheit ist nicht nur der vorherrschende Zustand in der Nacht. Unser ganzes Leben ist davon geprägt. Meist sind wir mit unseren Gedanken entweder in der Vergangenheit oder in der Zukunft, selten jedoch im Hier und Jetzt. Der Augenblick ist jedoch der einzige Moment, in dem Leben wirklich stattfindet; wir sind frei von Ängsten, Sorgen, Problemen, Stress und Überforderung. Den bewussten Zustand im Hier und Jetzt zu erlangen und aufrecht zu erhalten, das ist der Sinn der Übung Yoga Nidra.
Die Übung Yoga Nidra bedeutet „bewusster Schlaf“ oder „dynamischer Schlaf’“. Yoga Nidra hat einen ganz bestimmten systematischen Ablauf. Die Übung führt von der äußeren Ebene der Wahrnehmung systematisch in tiefere Ebenen des Seins und von dort wieder systematisch zurück. Darin eingebetet sind verschiedene Elemente mit einem klaren Aufbau, von den Anfängen bis zur hohen Schule des Yoga Nidra.
Mehr als ein drittel der Übung gilt der Wahrnehmung des Körpers. Während dieser Zeit geht es darum, Körper und Geist zu einer Einheit zu führen, was sie eigentlich ohnedies sind, was wir jedoch im Alltag selten beachten. Ist die Wahrnehmung auf den Körper gerichtet, können die Gedanken nicht ausbrechen und eigene Wege gehen.
Zentrales Element: Das Kreisen der Wahrnehmung durch den Körper
Wenn die Wahrnehmung durch den Körper geführt wird, von einem Körperteil zum nächsten, wird eine immer gleich bleibende Reihenfolge festgelegt, die sich nicht ändert. Durch diesen Wahrnehmungsstrom nimmt man subjektiv Entspannung, Erleichterung oder „Loslassen“ wahr. Die Sinne ziehen sich von den Sinnesobjekten zurück. Das ist der so wichtige Zustand von Pratyahara.
Jeder mit der Wahrnehmung berührte Körperteil hat einen Gegenpunkt im Gehirn, das sich durch diese Übung zutiefst entspannen kann. Gleichzeitig wird jeder Körperteil mit Energie aufgeladen.
In diesem Teil der Übung werden Parallelen zur modernen Neurochirurgie deutlich. Das Gehirn ist unser Instrument, um Körper, Gedanken und Gefühle zu einer harmonischen Einheit zusammenzufügen. Der Neurochirurg wirkt auf den Körper ein, indem er das Gehirn stimuliert. Der Yoga Ndira-Schüler beginnt am anderen Ende des Nervenweges – er steigert die Körperwahrnehmung und stimuliert damit das Gehirn. In dem die Wahrnehmung zu den verschiedenen Körperteilen getragen wird, entsteht nicht nur eine körperliche Entspannung, sondern gleichzeitig werden auch alle Nervenbahnen zum Gehirn gereinigt. Ist zum Schluss dieser Stufe der ganze Körper in der Wahrnehmung, wird die gesamte Oberfläche des Gehirns berührt.
In Yoga Nidra wird daher das Bewusstsein entspannt, indem der Körper entspannt wird.
Wachen, Träumen, Schlaf und Yoga Nidra
Einen größeren Zugang zu unserem Bewusstsein zu erlangen, von dem wir laut moderner Wissenschaft nur ein Zehntel nutzen, während neun Zehntel inaktiv sind, ist ein wichtiger Aspekt von Yoga Nidra. Yogis, Psychologen und Physiologen sind sich darin einig, dass es drei fundamentale und unterschiedliche Erscheinungsformen des individuellen menschlichen Bewusstseins gibt. Es sind die Zustände von Wachsein, Traum und Tiefschlaf. Jeder davon, auch der Grenzbereich Yoga Nidra, konnte mit einem bestimmten Muster in der elektrischen Hirnaktivität, den Gehirnwellen, in Verbindung gebracht werden.
Während alle drei Zustände zum Leben gehören und zu unterschiedlichen Zeiten erfahren werden, halten die meisten Menschen den Wachzustand für den einzig realen. Über den Traumschlaf- und den Tiefschlafzustand ist sehr wenig bekannt. Die moderne Forschung hat uns jedoch inzwischen viele Hinweise auf die psycho-physiologischen Funktionen und Merkmale des Schlafes gegeben, und dies hat eine wissenschaftliche Analyse von Yoga Nidra in vielfacher Form möglich gemacht.
Bewusstseinsebenen
Um in den Zustand des „bewussten Schlafs“ zu gelangen, muss sich das Muster der Gehirnwellen ändern. Das menschliche Gehirn befindet sich in einem fortwährenden Zustand elektrischer Aktivität, die von einem EEG in Form von Gehirnwellen gelesen werden kann. Durch das Anbringen von Elektroden auf der Kopfhaut und die Weiterleitung über Verstärker zu einem Kathodenstrahl-Ozillographen wird die elektrische Aktivität des Großhirns aufgezeichnet.

Im Wachzustand ist das Bewusstsein durch die Sinneserfahrungen mit der Außenwelt beschäftigt. Hier herrschen die Betawellen vor, es ist ein schneller Rhythmus (14 – 20 Hz).
Während der Traumphase ist das Unterbewusste vorherrschend, unterdrückte Wünsche, Ängste, Verbote und tief sitzende Eindrücke (Samskaras) werden aktiv; Thetawellen treten als große Zwischenwellen auf (4 – 8 Hz).
Im Tiefschlaf zeigt sich das Unbewusste, die Quelle aller Instinkte und Triebe sowie tief eingegrabener Erfahrungen aus früheren Evolutionsstufen. Im Gegensatz zum Traumschlaf gibt es keinerlei mentale Aktivitäten. Die Samskaras und latenten Wünsche sind inaktiv, das Bewusstsein und der Körper sind wie gelähmt. Sowohl Bewusstsein als auch Prana (Lebensenergie) ziehen sich aus den physischen und mentalen Bereichen zurück und richten sich zur nicht sichtbaren kreativen Quelle. Hier zeigen sich die langsamen Deltawellen (0,5 – 4 Hz).
Die Rhythmen Beta, Theta und Delta gehören somit zu den uns bekannten drei Bewusstseinsebenen wachbewusst, unterbewusst und unbewusst. Zwischen Wachzustand und Traum liegt eine weitere sehr wichtige Bandbreite der Wahrnehmung und der Erfahrung. In diesem Zustand treten Alphawellen auf (8 – 14 Hz). Im Alltag erleben wir den Alpha-Zustand nur in der Übergangsphase zwischen Wachen uns Schlafen, also in der Einschlafphase, die meist nur wenige Sekunden dauert. Hier zeigt sich eine tiefe und wachsende Entspannung, die Muskeln lockern sich, Haltungsverspannungen lösen sich, die Wahrnehmung der Außenwelt verliert sich. Während die Realität des Wachzustandes langsam erlischt, tritt an ihre Stelle der Zustand des Tiefschlafes oder der Traumschlaferfahrung; am Morgen nach dem Aufwachen ist der Weg umgekehrt.
Der Yoga Nidra-Zustand entsteht auf der Grenzlinie zwischen Wachen und Schlafen.
Verharren wir wachsam und bewusst zwischen Wachen und Schlafen im Alphazustand, erlangen wir eine tiefe und vollkommene Entspannung. Das ist nicht nur sehr viel wirkungsvoller und wohltuender als normaler Schlaf, sondern es ist auch ein hilfreicher Weg zur Heilung vieler Störungen und Krankheiten, besonders dann, wenn es sich um psychosomatische Erkrankungen handelt.
Durch Yoga Nidra schaffen wir eine wirkungsvolle Qualität des Ausruhens; der Körper wird erfrischt und der Geist rein und klar. Die Erfahrung des Alpha-Zustandes ist für die meisten Menschen kurz vor dem Einschlafen und nach dem Aufwachen möglich. Oft sind es jedoch nur wenige Sekunden oder Minuten. Diese Zeit systematisch auszudehnen ist das Ziel von Yoga Nidra. So können wir mit bewusster Wahrnehmung schlafen und bewusst unseren Alltag leben. Durch bewusstes Schlafen und Träumen lässt sich die psychische Ebene betreten; wir erhalten Zugang zu ungeahnten Fähigkeiten. Neurophysiologisch spiegelt sich diese erhöhte Bewusstheit in der elektro-physiologischen Hirntätigkeit wider, durch die sich die Tätigkeit der höheren Hirnrinde (Kortex) verbessert – dies ist das zuschauende, das „bewusste Gehirn“; gleichzeitig erhöht sich die Kontrolle über das „emotionale Gehirn“, dem limbischen System, und seine Erregbarkeit reduziert sich.
Yoga Nidra führt somit zu immer höherer Selbstwahrnehmung, durch die sich ein Kontroll- und Regulierungsmechanismus im Gehirn aufbaut. Das zeigt sich durch größere autonome Stabilität und verbesserte emotionale Steuerung sowie einer wachsenden Kraft, sein Schicksal in die Hand zu nehmen.
Das Sankalpa
Sankalpa ist ein Sanskritwort und bedeutet Vorsatz oder Entschluss. Das Arbeiten mit einem Sankalpa ist eine wichtige Stufe von Yoga Nidra und eine kraftvolle Methode, um der Persönlichkeit eine positive Richtung zu geben.
Das Sankalpa ist eine einfache, kurze und positive Aussage, die in das Unterbewusste gelegt wird. Dies geschieht in einem Moment, in dem das Unterbewusste entspannt und aufnahmebereicht ist – im Zustand von Yoga Nidra. Ein Sankalpa gleicht einem Samen der in gute Erde gelegt wird. Nachdem dieser Same ins Unterbewusste gelegt wurde, zieht er die dort ruhenden, unendlichen geistigen Kräfte zusammen, um aufzublühen. Keine Persönlichkeit ist unveränderbar, keine Angst so tief verwurzelt, dass sie nicht durch eine solche Kraft besiegt werden kann. Noch mehr Infos unter: www.satyananda-yoga.de
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